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DIE FISCHEREI IN OBERBAYERN

HAT EINE POSITION

Der Dreikantmuschel folgten die Wasservögel

Zur Entwicklung der Wasservogelbestände an den oberbayerischen Seen

 

 Wer kennt es nicht, das Gefühl, beim Baden auf eine jener kleinen, scharfkantigen Muscheln zu treten, die an unseren Seen noch vor fünfzig Jahren so gänzlich unbekannt waren? Die Rede ist von der Dreikantmuschel Dreissena polymorpha. Die daumennagelgroßen Muscheln haben eine beispiellose Erfolgsgeschichte geschrieben. Kaum ein anderer Organismus dürfte sich in unseren Gewässern in so kurzer Zeit ähnlich rasant vermehrt haben.

BLINDE PASSAGIERE

 Harte Gegenstände wie Steine, Holz, kiesige Badestrände oder aber auch die Außenwand oder der Bilgenraum von Booten sind der Untergrund, auf dem die Muscheln bevorzugt sitzen. Die Larven der Dreikant-muschel entwickeln sich selbständig im Freiwasser und können so leicht über weite Strecken verschleppt werden. Wahrscheinlich waren es die Sportboote, die Ende der Fünfziger Jahre die Muschel erstmals, sozusagen als „blinden Passagier“, aus dem Gebiet um das Kaspische Meer zu uns gebracht haben. 1962 erreichte die kleine Muschel den Chiemsee, drei Jahre später den Bodensee, um 1966 tauchte sie in Genfer-, Starnberger und Ammersee auf, wenig später im Zürichsee und 1980 im Tegernsee. Inzwischen sind nahezu alle südeuropäischen Seen von der Dreikant-muschel besiedelt.

IM SCHLARAFFENLAND

 Bei uns angekommen, fand die Dreikant-muschel in den meist sehr nährstoffreichen Gewässern ideale Lebensbedingungen – geradezu ein Schlaraffenland. Dies führte zu einer rasanten Entwicklung: Binnen kürzester Zeit bildeten sich enorme Muschelbänke auf den Seegründen (mit bis zu zehntausend Muscheln pro Quadratmeter). Heute ist die Dreikantmuschel überall zu finden und nicht nur für die Badegäste der Seen zum Ärgernis geworden. So hört man auch den Fischer schimpfen, wenn in den Netzen sich oft kiloschwere Muschelklumpen fangen, die dann beim Heben große Löcher reißen.

EIN GEFUNDENES FRESSEN

 Während die eingewanderte Muschelart den Badegästen, Fischern, den heimischen Maler- und Teichmuscheln das Leben schwer macht, ist ihre Massenentwicklung für die Wasservögel im wahrsten Sinne des Wortes ein gefundenes Fressen. Vor allen anderen Arten haben die Reiher-, Tafelente und das Bläßhuhn von dem Neuankömmling profitiert. Sie sind gute Taucher und besitzen starke Schnäbel mit denen sie die Muscheln knacken können.

 Bis zum Eintreffen der Dreikantmuschel boten die flachen, wasserpflanzenreichen Buchten unserer Seen den Enten und Bläßhühnern auf dem Weg nach Süden nur im Herbst eine ausreichende Nahrungs-grundlage. Wenn im November die Wasser-pflanzen abstarben, musste auch der größte Teil der Wasservögel weiterziehen. Durch die Dreikantmuschel hatte sich das Nahrungs-angebot für die Vögel so stark verbessert, dass eine immer größer werdende Zahl von Wasservögeln die harten Wintermonate auf unseren Seen überdauern konnte. Die Enten weiden nun von Herbst bis ins Frühjahr hinein die Muschelbänke ab. Zurück bleiben nur die von den Vögeln unerreichbaren Muschelbänke in größeren Tiefen. Aus ihnen geht im Frühjahr der Muschelnachwuchs hervor, der dann über den Sommer die seichten Uferbereiche wiederbesiedelt, ehe im Oktober die Wasservögel zurückkehren - ein Kreislauf, der sich nunmehr seit etwa 40 Jahren wiederholt.

DIE ZAHL DER WASSERVÖGEL HAT SICH VERVIELFACHT

 An allen größeren, bayerischen Seen führte das Auftreten der Dreikantmuschel daher vor allem in den Winterhalbjahren binnen kurzem zu einer Vervielfachung der ursprünglichen Wasservogelbestände. So besiedeln im November und Dezember jeden Jahres über 10.000 Wasservögel den Ammersee - zehn bis 20 mal so viele Reiherenten und Bläßhühner wie in den Fünfziger Jahren. Ein ähnliches Bild zeigt sich am Starnberger See; ebenso am Chiemsee, wo regelmäßig über 20.000 Wasservögel gezählt werden und auch am Tegernsee stiegen die Wasservogelzahlen nach dem Auftreten der Dreikantmuschel um ein Vielfaches an.

EFFIZIENTE KULTURFOLGER

 Die enormen Wasservogelbestände, die wir heute an unseren Seen antreffen, sind daher keineswegs seit jeher „natürlich“, sondern vielmehr auf die Erfolgsgeschichte einer kleinen, vor vierzig Jahren vom Menschen eingeschleppten Muschel zurückzuführen. Die Vögel demonstrieren also auf deutlichste Weise, dass sie im Vergleich zu allen landgebundenen, warmblütigen Wirbeltieren und im Vergleich zu den heimischen Fischen, Muscheln und Krebsen die effizientesten Kulturfolger in unseren anthropogen so stark beeinflussten Ökosystemen sind.

UND HEUTE?

 Inzwischen hat die Entwicklung der Dreikantmuschel in jenen unserer Seen stagniert, die über einen Ringkanal von den früheren Abwasserbelastungen befreit wurden. Selbstverständlich hat das auch zu einer gewissen Reduktion der zuvor so rasant emporgeschossenen Wasservogel-populationen geführt. Dass die Vogelschutz-verbände dennoch die neuerliche Anpassung der Vogelpopulationen an den Standortfaktor Nahrung eben nicht mit dem schwindenden Angebot, sondern mit der Präsenz des Menschen auf den Seen verknüpfen und zum „Schutz“ der immer noch sehr reichlichen Populationen ausgedehnte Vogelreservate fordern, stimmt bedenklich.

Bedenklich vor allem deshalb, weil zwischen-zeitlich längst offensichtlich ist, dass die partiellen Überpopulationen von Wasser-vögeln gravierende Ausfallserscheinungen an der ursprünglichen Fauna und Flora verur-sachen: Um den Wegfraß des Schilfs durch das hungrige Wassergeflügel einzudämmen, werden allenthalben (mehr oder weniger wirkungslose) „Schilfschutzzäune“ gezogen; Fischarten sterben im Gefolge des Fraßdrucks fischfressender Vögel aus und können nicht wieder angesiedelt werden; menschen- und fischpathogene Keime werden verbreitet.

Statt aber diesen inzwischen hinlänglich bekannten Fehlentwicklungen Rechnung zu tragen und entgegen zu steuern, statt seltene Pflänzchen zu schonen, macht man die Böcke zu Gärtnern. Der einseitig betriebene Vogelschutz hat sich längst gegen das öffentliche Interesse am Erhalt gesunder, vielfältiger und nachhaltiger Lebensgemeinschaften gerichtet. Er ist als Auswuchs eines falsch verstandenen und falsch praktizierten, ideologisierten „Naturschutzes“ anzusehen, der unsere eigentlichen und damit besonders wertvollen, standortgebundenen Artengemeinschaften in die Sackgasse führt.

FAZIT

 Es ist allerhöchste Zeit, dass diese Problematik erkannt und dafür Sorge getragen wird, dass unsere Seen nicht als Vogelreservate missbraucht, sondern als das geschützt und erhalten werden was sie seit Jahrhunderten sind: Biotope in denen Pflanzen, Tiere und Menschen zusammenleben.